gelesen: Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?

Schule fertig, und dann?
Während die Einen ihr Ziel längst fest vor Augen haben, sind andere noch auf der Suche. Gerade das stellt in der heutigen Zeit oft ein Problem dar: Soll ich Studieren und wenn ja, welches Fach, an welcher Uni? Soll ich eine Ausbildung machen? Oder vielleicht doch erstmal ein Jahr Pause – Reisen, ein Praktikum, ein soziales Jahr?
Ulrike Bartholomäus hat sich mit der Frage beschäftigt, warum es den Schulabgängern oft so schwer fällt, sich zu entscheiden. Dafür hat sie Interviews mit ihren „Forschungsobjekten“ geführt, bzw. sie von Gleichaltrigen befragen lassen, mit Experten gesprochen und lässt uns Leser nun an ihren Ergebnissen teilhaben. Auf teils erheiternde, teils erhellende Art und Weise bekommen wir Einblicke in das Gehirn von Heranwachsenden und Hinweise für Do’s und Don’ts im Umgang mit ihnen.

Wie ich zu diesem Buch kam – und warum ich es lesen MUSSTE
Dieses Buch ist mir durch Zufall in die Hände gefallen. Während meine Neffen sich mit Vater und Onkel beim Mario Kart an der Switch vergnügten und meine Schwester chillend auf dem Wohnzimmerfußboden lag, griff ich nach einem der Bücher, von denen immer ein paar unter dem Couchtisch zu finden sind. Was mir sofort ins Auge fiel, waren nicht die Illustration oder der Titel. Es war der Untertitel. „Die große Orientierungslosigkeit nach der Schule“.
Auf einen Schlag fühlte ich mich in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts versetzt, das Jahrzehnt, in dem ich die Schule beendete und absolut keine Ahnung hatte, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich hatte nach der Realschule noch ein Jahr „Höhere Handelsschule“ drangehängt und da ich immer noch keinen Plan hatte, folgte ich erstmal dem Rat meines Vaters. Der da lautete: „Lern was Anständiges, geh ins Büro“. Die vier Wochen beim Rechtsanwalt, inklusive einer Berufsschulklasse voller Zickenweiber, waren die Hölle. Mein Traum war das Abitur (aber weder mein Erziehungsberechtigter noch der Direktor des örtlichen Gymnasiums hielten mich für qualifiziert). Ich zog um, überbrückte die Zeit bis zum nächsten Schuljahr mit einem Praktikum im Kindergarten (und wusste dann, dass ich das NICHT machen will) bevor ich mich am Gymnasium versuchte, das ich mit der Fachhochschulreife verließ. Natürlich hatte ich immer noch keine Ahnung, was ich machen wollte. Probierte herum, brach eine weitere Ausbildung ab und stand mit 22 plan- und ziellos im Nirgendwo. Ich machte mich schlau, fand raus, dass eine Ausbildung zur Landwirtin mit meinem Schulabschluss in 2 Jahren zu machen war und dachte „okay und wenn das nichts ist, habe ich wenigstens einen Abschluss und kann danach immer noch was anderes machen“. Es stellte sich heraus, dass das aber genau mein Ding war…
Was hätte ich drum gegeben in der Zeit auch nur einmal das Gefühl vermittelt zu bekommen, „normal“ zu sein. Ich hatte den Eindruck, alle um mich herum wüssten ganz genau, was sie wollten. Alle – außer mir.

„Reife braucht Zeit, wer nicht sofort durchstarten möchte, sollte sich eine Auszeit nehmen. Nur monatelanges Chillen ist Gift fürs Gehirn.“

Ulrike Bartholomäus

Das Buch und ich
Der erste Teil des Buches ist mit „die große Orientierungslosigkeit“ überschrieben und beschäftigt sich mit den diversen Faktoren, die die Entscheidungsfindung der Jugendlichen beeinflussen. Dazu gehören zum Beispiel das Alter (das durch das Abitur nach 12 Jahren noch mehr in den Fokus rückt) und das Gefühlschaos in dem man sich in dieser Zeit des „Umbaus“ vom Kind zum Erwachsenen befindet. Und dann ist da plötzlich diese unfassbare Menge an Möglichkeiten, die einem offen stehen und es schwer machen, nun ausgerechnet die eine Sache zu finden, die zu einem passt. Es kommen Erinnerungen an die Zeit hoch, in der man selbst vor der Wahl stand, erst recht, wenn man selbst zur Fraktion der „Ahnungslosen“ gehört hat. Deshalb konnte ich da gut nachvollziehen, dass man sich erstmal entscheidet, sich noch nicht zu entscheiden. Zumal da ja noch die eigenen Eltern sind, die ihre ausgeprochenen oder unausgesprochenen Wünsche haben und sich schwer damit tun zu verstehen, was ihre Kinder umtreibt, und die – wenn das Kind nicht in die Puschen kommt – anfangen, ihrem Sprössling auch hier die Entscheidung abzunehmen bzw. ihn in die, vermeintlich richtige, Spur zu bringen. Aber nicht erst seit dem Lesen dieses Buches finde ich, dass man hin und wieder einen Schritt zurücktreten sollte um über die eigenen Erwartungen an sich und andere nachzudenken und sich zu fragen, in wie weit sich dort Überschneidungen finden lassen. Wir sollten wieder lernen, andere Menschen so anzunehmen, wie sie sind ohne ihnen unsere Vorstellung davon, wie sie zu sein haben, aufzudrängen.
Ein weiterer, nicht unerheblicher Faktor ist die virtuelle Welt. Sie bindet Energie und die Jugendlichen stehen unter permanentem Druck, sich von ihrer allerbesten Seite zu präsentieren – ihr zukünftiges Leben muss dafür etwas zu bieten haben und es muss perfekt sein, etwas anderes kommt nicht in Frage (und, ganz ehrlich, das geht nicht nur Jugendlichen so, sondern auch Erwachsenen, die sich in der virtuellen Welt herumtreiben). Aber auch Scheitern gehört dazu. Denn jede getroffene Entscheidung kann sich früher oder später als falsch erweisen. Dabei ist es egal ob man die Entscheidung aus eigenem Antrieb getroffen oder sich dazu hat drängen lassen. Manchmal passen Vorstellung und Realität einfach nicht zusammen – dann ist es Zeit für eine Kurskorrektur. Scheitern ist nicht schlimm – es gehört zum Leben dazu.
Die Kombination aus den Geschichten der Jugendlichen und den wissenschaftlichen Erläuterungen lässt die Thematik lebendig werden und fesselt den interessierten Leser von der ersten Seite an. Selbst, wenn man nur noch im Herzen jugendlich ist, kann man hier einiges mitnehmen.

Im zweiten Abschnitt geht es um das Erwachsenwerden. Vor allem der Teil, in dem es darum geht wie (und wie langsam) sich das menschliche Gehirn entwickelt und die Verknüpfung von Risikobereitschaft und Folgeeinschätzung fand ich hoch spannend. Erwachsen werden bedeutet herauszufinden, wer man ist und das geht am Besten durch Ausprobieren. Durch starke Zugangsbeschränkungen in beliebten Studiengängen wie Medizin gehen jedoch viele Möglichkeiten zum Ausprobieren verloren. Auch in diesem Abschnitt werden Misserfolge thematisiert, verbunden mit der Frage, was es braucht, um Krisen gut zu meistern. Stichwort: Resilienz. Die psychische Fähigkeit, gut mit Krisen umzugehen wird hier zwar sehr kompakt aber mit den wesentlichen Punkten behandelt. Ebenfalls nicht außer Acht lassen darf man die Suchtgefahr, die mit der zunehmend digitalen Welt einhergeht.

Im abschließenden dritten Teil, der sich vor allem an Eltern richtet, wird aufgezeigt, wie Eltern in dieser Phase der Entwicklung und der Entscheidungen am besten mit ihren Kindern umgehen sollten. Eltern müssen, so schwer es ihnen fallen mag, lernen, ihre Kinder ihren eigenen Weg finden zu lassen. In ihrem Tempo, auf ihre Art und Weise. Es geht darum zu reflektieren, ob es wirklich um die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder geht oder doch eher darum, dass das Kind den, aus Elternsicht, richtigen Weg entschlägt. Vielleicht ist es manchmal besser, sich rauszuhalten und eine andere erwachsene Bezugsperson mit den Jugendlichen ins Gespräch zu bringen um einen anderen Blick auf die Situation zu bekommen.

Fazit:
Es fällt mir schwer das, was mir bezüglich des Buches durch den Kopf geht, in Worte zu fassen. Zum Einen habe ich es als sehr beruhigend empfunden, dass meine unkoordinierte Suche nach meinem Weg keine Ausnahme darstellt und ich, ohne es zu wissen, damals wohl einiges richtig gemacht habe. Ausprobieren, scheitern, einen neuen Weg finden, weitergehen.
Wenn die Schule vorbei ist stolpert man aus einem durchgetakteten Leben in ein Labyrinth aus Entscheidungen, die man selbst treffen muss. Das ist anstrengend. Das ist unbequem. Aber wir alle müssen / mussten da durch.
Das Buch hilft im Ansatz zu verstehen, was Jugendliche in dieser Phase ihres Lebens durchmachen, vor welchen Problemen sie stehen und wieso sie sich nicht dazu in der Lage sehen, Entscheidungen zu treffen. Mit diesem Wissen kann man (hoffentlich) gelassener mit dieser Situation umgehen ohne in die diversen Fallen zu treten, die sich Eltern in den Weg stellen.

Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?
von Ulrike Bartholomäus
erschienen am 01. April 2019 im BerlinVerlag
304 Seiten, 12,00 €
ISBN 978-3-492-31779-5

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