Grenzen

Ein Thema, das mich in letzter Zeit öfter – aber eigentlich schon immer – beschäftigt, sind Grenzen. Damit meine ich weniger Ländergrenzen, die ja in Europa seit dem Schengener Abkommen sowieso kaum noch sichtbar existieren, sondern mehr die persönlichen. Diese „ich kann das nicht“, „ich trau mich nicht“ und die „das würde ich nie tun“-Dinge, die jedem von uns mal mehr oder weniger oft durch den Kopf geistern. Das ist bei jedem unterschiedlich und was für den einen eine große Sache ist, sorgt beim Nächsten für Unverständnis.

Beispiel gefällig?
Ich habe kein Problem damit, nachts nach einer Party allein im Dunkeln durchs Dorf nach Hause zu laufen. Auch dann nicht, wenn keine Straßenbeleuchtung an ist. Andere lassen sich abholen.
Es macht mir auch nichts aus, allein in den Urlaub zu fahren. Bus, Bahn, Wohnwagen, Flugzeug, Hostel mit Mehrbettzimmer, Hotel… alles kein Problem. Zugegeben, manches hat mich am Anfang auch ein wenig Überwindung gekostet, aber wenn man jung und ungebunden ist, ist das nun mal die einzige Möglichkeit Urlaub zu machen, der nicht in den eigenen vier Wänden stattfindet. Und ehrlich gesagt bin ich auch ganz gerne mal alleine unterwegs. Tun und lassen zu können was man will und wann man will ist ein Luxus, den ich sehr zu schätzen weiß.

„Ich kann das nicht“ – die Aussage hat es bei mir auch schon oft gegeben. Zuletzt bei einer Hormonbehandlung mit täglich 3-5 Spritzen, die ich mir selbst verpassen sollte. Am ersten Tag stand ich mit einem Nervenzusammenbruch bei meiner Freundin auf der Matte, die mir dann freundlicherweise die Spritzen verpasst hat (nicht ohne sich vorher schon mal zu entschuldigen, dass sie mir nun wehtut). Am zweiten Tag habe ich es todesmutig selbst probiert (ich war zu dem Entschluss gekommen, dass ich schlimmstenfalls ohnmächtig vom Sofa fallen würde und war bereit, das Risiko einzugehen) und spätestens ab Tag 5 war das alles kein Problem mehr. Dieses Beispiel zeigt eindeutig, dass es gerade bei „ich kann das nicht“ Grenzen gibt, die längst nicht so feststehen wie man es sich gerne einredet.

Und woher kommt das überhaupt, dieses „ich kann das nicht“? Meinem mittlerweile 6jährigen Neffen ist das völlig fremd. So lange er etwas nicht ausprobiert hat, käme er nie auf die Idee zu sagen, dass er das nicht kann.

Irgendwann kommt jeder von uns an einen Punkt, an dem er sich in seinem Leben eingerichtet hat. An dem man weiß, was man zu tun oder zu lassen hat, damit es einigermaßen problemfrei rund läuft. Doch auch, wenn ich das in gewisser Weise bis zu einem gewissen Grad für einen erstrebenswerten Zustand halte, so ist das doch letztendlich einfach nur bequem und fordert uns keineswegs heraus. Und hat nicht jeder von uns Träume? Einen anderen Job, weil der jetzige uns nicht mehr gefällt oder keine Aufstiegschancen bietet. Ein Bootsführerschein um an freien Tagen den Fluss entlang zu schippern. Eine Reise nach Paris oder wohin auch immer.

Was hindert uns, unsere Träume wahr zu machen?

Die Bequemlichkeit. Die Angst zu scheitern oder sich lächerlich zu machen. Manchmal auch dieses „das macht man nicht“ oder „das ist nichts für dich“ das man von anderen eingetrichtert bekommt bis man es selbst glaubt.

Alles irgendwie nachvollziehbar. Aber erinnert euch doch mal zurück an etwas, das ihr geschafft habt. Als ihr den Mut hattet, etwas zu probieren und es euch gelungen ist. Denkt daran, wie ihr euch in dem Moment gefühlt habt. Ist es nicht ein irres Gefühl etwas erreicht zu haben? Und habt ihr in solchen Momenten nicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass andere etwas, das ihr für gar nicht so besonders haltet (vielleicht weil ihr es auch nur „gerade so eben“ geschafft habt), bewundernswert finden?

Ein Beispiel.
Ich bin 2014 meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Oder gekrochen? Ich habe jedenfalls knapp unter drei Stunden gebraucht und wurde sogar von einem Marathonläufer überholt. Ich war wirklich, wirklich langsam. Aber ich habe es geschafft. Ich habe die ganzen 21 Kilometer durchgehalten und das erste, was ich im Ziel sagte, war „es ist eine Schande, das man für ein Bier so weit laufen muss“. Ich glaube, es war das leckerste Bier, das ich je getrunken habe (obwohl ich die Sorte auch schon bei vielen anderen Läufen bekommen habe). Schnecke oder nicht, ich war echt stolz auf mich.
Natürlich war mir klar, dass so ein Halbmarathon schon irgendwie etwas Besonderes ist, denn in meinem Umfeld kannte ich niemanden, der das schon gemacht hatte. Trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich eine besondere Leistung erbracht hätte. Aber viele sahen das ganz anders. Sie bewunderten mein Durchhaltevermögen und auch meine Einstellung zu der ganzen Sache, denn mir war es einfach nur wichtig, die Ziellinie zu überqueren und mindestens eine Person hinter mir zu lassen.

Ich glaube, wenn man die Erwartungen an sich selbst realistisch betrachtet und nicht zu hoch schraubt, macht sich den ersten Schritt leichter. Alles auf einmal zu wollen, geht in der Regel schief. Man kann ein großes Ziel in kleine Unterteilen und sich für jede genommene Hürde selbst auf die Schulter klopfen. Als ich mit dem Laufen anfing, hab ich mich auch nicht hingestellt und gesagt „Ich lauf mal nen Halbmarathon“. Im Gegenteil. Ich wollte fünf schaffen, an einem Volkslauf teilnehmen und dann die Laufschuhe wieder an den Nagel hängen. Aber dann traf ich auf die richtigen Leute und meine selbst gesteckten Ziele wurden höher.

Meistens sind es andere, die mich dazu bringen, meine Grenzen austesten zu wollen. In dem sie mir von Dingen erzählen, die sie begeistern oder die sie selbst gerne mal tun würden. Oder in dem sie mir den nötigen Tritt in den Hintern verpassen (im übertragenden Sinn) wenn ich selbst mal eine Idee habe. Oder in dem sie mich einfach daran erinnern, was ich trotz meiner ständigen Selbstzweifel schon alles geschafft habe.

In diesem Jahr bin ich ganz gut dabei, meine aktuellen Grenzen auszuloten bzw. neu abzustecken und ich muss sagen, es fühlt sich ausgesprochen gut an!

Wie sieht es bei euch aus? Wann habt ihr euch das letzte Mal aus eurer Komfortzone rausgetraut?

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